Thomas: Pyrin, grüß dich. Wie geht es dir?
Pyrin: In Ordnung soweit, danke. Ein wenig abgeschlagen vielleicht.
Thomas: Sind wir das nicht alle?
Pyrin: Natürlich.
Thomas: Prächtig. Für 2013 hast du ein neues Album angekündigt, namentlich „Der rote Teppich im Nichts“. Was erwartet deine Hörer?
Pyrin: Ein science-fiction-artiger Trip nach Pyrinland. Die assoziativ zusammenhängende Geschichte eines Scheiternden in einer Welt, die sich selbst überholt hat. Ich schleudere einfach mal Adjektive in den Raum: düster, psychedelisch, abstrakt, zynisch, vielschichtig, solipsistisch, sprachverliebt. Im Mittelpunkt des Geschehens befinden sich Aspekte wie (ich schleudere einfach mal Substantive in den Raum) Identität, Sinnsuche, Traum, Leben, Tod, Liebe, Hass, Bewusstsein, Wahrheit und andere große Unwichtigkeiten.
Thomas: Das klingt ja sogar halbwegs interessant. In wieweit unterscheidet sich das Ganze von den üblichen pyrinesken Werken?
Pyrin: Die Texte sind ausgefeilter und noch metaphorischer. Ich habe mir viel Zeit genommen, sie immer wieder überarbeitet, und wenn es sich nur um einzelne Worte handelte. Zudem sind die einzelnen Songs viel stärker in den Gesamtkontext eingebunden als bei meinen früheren Werken. Soundmäßig decken wir (ich & mein Produzent Matthias Bromm) alles Mögliche ab. Es finden sich Einflüsse aus Hip Hop, Industrial, Ambient, Big Beat, klassischem Rock und anderen sonderbaren Dingen wieder. Was weiß ich. Wen interessieren schon Genres. Es wurden Instrumente eingespielt, gesampelt und mit Synthies gearbeitet. Alles kratziger, dreckiger Hardware-Sound und nix Gelecktes. Richtig schön.
Thomas: Warst du an den Beats beteiligt?
Pyrin: Durchaus. Ich saß öfter neben Bromm und habe ihn genervt. Überhaupt haben wir das Klangbild des Albums gemeinsam ausgearbeitet.
Thomas: Kommen wir doch nochmal auf das Konzept zurück. Du nanntest es „… Geschichte eines Scheiternden“. Was genau meinst du damit?
Pyrin: Erzählt wird aus der Sicht eines Protagonisten. Das bin ich. Und auch wieder nicht. Ohnehin wird die Perspektive im Verlauf des Albums immer wieder gewechselt. Der Protagonist befindet sich in einer Gesellschaft, die nicht weit von unserer angesiedelt ist (zeitlich wie räumlich) und sucht nach seiner Identität. Als er zu fliehen versucht, gerät er in den Strudel seines Selbst. Er rutscht in die Tiefen seines Geistes, reist durch Vergangenheit und Zukunft, kämpft gegen seinen Schatten, überwindet den Tod, begegnet der personifizierten Zeit und scheitert letztlich doch. Zumindest sehe ich das so. Momentan. Das alles hängt wie bereits erwähnt auf sehr assoziative Weise zusammen.
Thomas: In Ordnung. Was du erzählst, lässt dein Werk ein wenig fiktional erscheinen.
Pyrin: Ja und nein. Das Album ist sehr persönlich und ehrlich. Aber eben nicht offen lesbar, sondern auf metaphorische Weise dargelegt.
Thomas: Wieso genau verschachtelst du alles hinter Metaphern? Hat das etwas mit einem Versteckspiel zu tun?
Pyrin: Nicht wirklich. Viele Dinge, über die ich spreche, lassen sich lediglich in Metaphern ausdrücken. So kann ich auch mehrere Bedeutungsebenen in eine bzw. zwei Zeilen einbauen. Außerdem mag ich dieses Stilmittel. Und ganz einfach gesprochen: Portraits malen finde ich langweilig. Ich mag abstrakte Kunst.
Thomas: Nun gut. Wenn ich dir neulich richtig zugehört habe, wird „Der rote Teppich im Nichts“ auf CD erscheinen?
Pyrin: Ja. Als sechsseitiges Digipack.
Thomas: Super. Für das Artwork von Psychonautik hast du mit einer Künstlerin zusammengearbeitet. Wird das hier wieder der Fall sein?
Pyrin: Ja. Ein sehr begabter Maler aus Leipzig nimmt sich des Artworks an und setzt meine Ideen um. Es wird sehr verworren und verkopft. Schön pyrinesk. Desweiteren werde ich – im Gegensatz zu meinen früheren Arbeiten – einige Videos in den Äther schicken. Das macht man ja heutzutage so.
Thomas: Ich durfte dein Album ja bereits hören bzw. war auch beim Entstehungsprozess dabei. Zumindest teilweise. Was mir ins Ohr stach, waren die vielen Sprachsamples aus Filmen bzw. von Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Philosophie. Was hat es damit auf sich?
Pyrin: Das sind alles Schnipsel aus bzw von Filmen bzw Personen, die ich cool finde bzw die eine gewisse Relevanz für meine Thematik haben. Oftmals heben sie sich von der Thematik ab oder erweitern diese. Manchmal fand ich sie auch einfach nur lustig oder atmosphärisch.
Thomas: Sehr lustig, ja. Ha ha. Auf deinem Album sind keine Featuregäste. Wie kommt das?
Pyrin: Ich wollte einen Kollabotrack machen, den ich auch schon angeleiert hatte. Hat aber doch nicht reingepasst. Der Teppich ist das egozentrischste Werk, das ich je gemacht habe. Featuregäste haben einfach nicht reingepasst. Ich wollte keine anderen Perspektiven. Nur meine.
Thomas: Die alles entscheidende Frage… Wann wird es erscheinen?
Pyrin: Du weißt, dass ich das nicht weiß. Definitiv dieses Jahr.
Thomas: Verlassen wir die Albumthematik und widmen uns dem gesamtpyrinschen Kosmos. Ich möchte nicht die übliche Blödelfrage á la „wie kommst du auf deine Texte?“ stellen. Aber mich würde doch interessieren, was dich am meisten inspiriert.
Pyrin: Was für eine dämliche Frage. Alles ist Inspiration. Ein Spaziergang. Filme schauen. Lesen. Bier trinken mit Freunden. Musik hören. Vor allem Musik. Songtexte inspirieren mich. Keine Raptexte, Texte von Sängern/Sängerinnen.
Thomas: In wie fern?
Pyrin: Sänger haben weit weniger Raum, um sich in Worten auszudrücken. Dadurch wird das Gewicht der einzelnen Verse automatisch forciert. Ich versuche meinen Zeilen dasselbe Gewicht zu verleihen.
Thomas: Traumhaft. Hip Hop durchlebt ja gerade eine Renaissance. Wie schlägt sich das in deinem Kosmos nieder und wie siehst du deine Rolle?
Pyrin: Wieder eine äußerst beknackte Frage. Ich sehe mich in der Hip-Hop-Szene als eine Art unverstandenes Wunderkind.
Thomas: Du bist aber nicht selbstverliebt?
Pyrin: Doch.
Thomas: Vorzüglich. Weitermachen.
Pyrin: Ja. Nun. Im Rapkontext verwurzelte Köpfe hören sich meine Musik an und befinden sie oftmals zwar für gut, tun sie jedoch zeitgleich als „zu abgedreht“ ab. Das ist natürlich schade aber so ist es eben. Am liebsten mag ich es ohnehin, wenn Leute meine Sachen feiern, die mit Rap sonst nichts oder wenig am Hut haben. Deren Ohren sind weitgehend frei von den selbstauferlegten Regeln der Rapszene, eben musikalisch offener. Außerdem hören sie einem besser zu. Machen sich Gedanken und so einen Quatsch. Ich halte Szenen grundsätzlich für entwicklungshemmend, weil ihre Anhänger oftmals in den Kategorien „richtig“ und „falsch“ denken. Das ist natürlich eine Seite der Medaille. Zusammenhalt und gegenseitiges Unterstützen sind demgegenüber tolle Aspekte, die verbinden.
Thomas: Hochinteressant, Pyrin. Nun denn. Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Pyrin: Erst mal das Album veröffentlichen und dann schauen wir. Irgendwann mache ich noch ein Album mit Smoke T. Ansonsten… ich weiß es wirklich nicht. Ich möchte mich auf jeden Fall verstärkt meinen Gedichten und Kurzgeschichten widmen. An sich habe ich noch viele Ideen für Musik. Andererseits habe ich immer weniger Lust auf den Aufwand und die Arbeit, für die doch verhältnismäßig wenig zurückkommt. Von den ganzen Neurosen, die mit dem Musikmachen einhergehen, ganz zu schweigen.
Thomas: Das heißt, du denkst ans Aufhören?
Pyrin: Mindestens einmal am Tag.
Thomas: Ist das nun eine der genannten Neurosen oder ein ernstzunehmendes Vorhaben?
Pyrin: Ist das relevant?
Thomas: Womöglich nicht. Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir.
Pyrin: Danke für das Interview. Kauf mein Album.
Thomas: Okay. Ja. Mal sehen.